TRAUMA - Eine Einführung

 

 

 

 

Trauma – eine Einführung und Hinweise zur Bedeutung von Traumen und deren Folgestörungen

 

 

 

 

 

 

.i Trauma (griechisch) heißt übersetzt Wunde. Allerdings sagt die Bezeichnung ‚Wunde’ noch wenig aus zu dem, was ein Trauma wirklich ist. Auch nicht, was es für betroffene Menschen bedeutet und welche lebenslange Folgewirkungen es zeigen kann.
Ein
unbewältigtes Trauma bedeutet, eine nicht heilende Wunde zu haben:

  • Welche die vorherige Struktur von Denken, Fühlen, Empfinden und Verhalten verändert - solange es nicht bewältigt wurde

  • Die in der Mehrzahl nicht von alleine ‚heilt’, sondern sich mit der Zeit eher musterhaft stärker verfestigt und langfristig zu unglücklichen oder sogar verzweifelten Gefühlszuständen und Krankheitssymptomen führt – solange es nicht bewältigt wurde

  • Die als solche in aller Regel nicht erkannt werden kann. Selbst wenn Menschen wissen, das es in der Kindheit sehr schwierige oder schmerzhafte Erfahrungen gegeben hat, oder dass sie als Jugendliche oder Erwachsene traumatische Situationen durchlebt haben ( wenn also vergangene Zustände noch bewusst erinnert werden können) bedeutet dies nicht, dass dadurch das Trauma vorbei ist. Denn die Veränderungen, die über das Trauma beginnen, und die sich später als Lebensschwierigkeiten in den wichtigen Beziehungen zu anderen und zu sich selber zeigen, werden in aller Regel nicht mit einem früheren Trauma in Verbindung gebracht – solange Menschen kein Wissen über Trauma-Folgestörungen haben

  • Die wie ein nicht erkanntes Krebsgeschwür im Inneren immer weitere Metastasen (Störungen, Schmerzen, Rückzugsverhalten oder Kampf in wichtigen Beziehungen und andere Symptome) entwickelt. Je nach Schwere der traumatischen Erfahrung kann diese sich verstörend auswirken auf die körperliche Gesundheit und auf die psychischen Ebenen von Denken, Fühlen und Handeln.

  • Über nicht-bewältigte Traumen kann es zu einer sogenannten Weitergabe bei nachfolgenden Generationen von Kindern und Enkeln kommen. Dieser Vorgang ist noch relativ unbekannt.

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Trauma – eine Einführung und Hinweise zur Bedeutung von Traumen und deren Folgestörungen

Die Mehrzahl der Menschen in unserem Land tragen Traumen in sich - in aller Regel Entwicklungstraumen, jedoch auch Traumen, die sich später im Leben ereignet haben, in der Jugend oder im Erwachsenenalter. Selbst wenn Menschen wissen, dass sie ein Trauma hatten oder dass es während ihrer Entwicklung in der Kindheit schwierige Erlebnisse gegeben hat, heißt das nicht, dass diese - einmaligen oder mehrfach - erlebten traumatischen Situationen wirklich bewältigt beziehungsweise ‚geheilt’ sind. Bewältigt / ‚geheilt’ bedeutet, dass Körper, Geist und Seele ( Gefühle, Affekte, Emotionen ) frei sind von verstörend wirkenden Hemmungen, Blockaden oder Überflutungen. Diese zeigen sich in bestimmten Gefühlszuständen, Gedanken und im Verhalten und führen auf Dauer zu gesundheitlichen Symptomen („Trauma- Folgestörungen“1). In den Traumatheorien wird beim Aspekt der Bewältigung traumatischer Zusammenhänge darauf hingewiesen dass Menschen ihr erlebtes Trauma integrieren müssen, damit Folgestörungen gemindert werden. Eine Integration bedeutet in dem Zusammenhang zum Beispiel, dass der Umgang mit traumatisch wirkenden Auslösern (Triggern) gelernt wird, verstanden wird und dass das Nervensystem eine Chance der Beruhigung erhält über entsprechendes Denken und Verhalten.

Am einfachsten lässt sich ein Trauma und der nachfolgende Vorgang der Veränderung (also die Trauma-Folgestörungen im Menschen) am einfachen Beispiel eines Überfalls beschreiben: Ein Mensch, der zum Beispiel in einer Straße am Abend überfallen wird, gerät in einen Schockzustand. Selbst wenn keine gesundheitlichen Schäden dazu gehörten, schon der Fakt des Überfalls bedingt, dass sein neuronales System reagiert, es schüttet bestimmte Hormone aus, die seinen Körper in einen Zustand entweder der Verteidigung, der Flucht oder des Stillstands versetzen. Angst

1 Der Aspekt von Traumafolgestörungen mit den Phänomenen von Hemmung, sozialem Rückzug, Blockaden und Überflutung, Kampf und aggressiven Akten ist insofern etwas schwierig zu verstehen, da sowohl Hemmung als auch Überflutung als alltägliche Phänome in Beziehungen vorhanden sind. Dieses wird jedoch – insbesondere bei im Hinblick auf Entwicklungstraumen - nicht als mögliche Traumafolgen von der Umwelt gewertet und eingeordnet, sondern als Charaktereigenschaften von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen angesehen. Ob zum Beispiel ein manifestes Rückzugsverhalten oder ein aggressives Verhalten bei einem Kind sich als Traumafolge-Störung her über einen längeren Zeitraum hin entwickelt hat und als solches betrachtet wird oder eben als eine Charaktereigenschaft macht einen großen Unterschied aus !

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wird freigesetzt, und in der Zeit danach entstehen immer wieder Bilder des Erlebnisses vor seinem inneren Auge, sein Körper gerät dabei wieder in den panikartigen Zustand mit starkem Herzklopfen, Schweißausbrüchen und weiteren Symptomen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Alpträume auftreten, Schlafstörungen sich einstellen, die Gedanken vielfach um das Erlebnis kreisen beziehungsweise sich kaum davon ablösen können, kommt noch hinzu. Doch auch nachdem die erste Zeit mit der geschilderten Symptomatik vergangen ist, ist der Mensch nicht frei von dem Vorfall, es beginnen einige Phänomene sich zu verselbständigen: Er wird in aller Regel beginnen, diese Gegend in Zukunft zu meiden, oder er beginnt, des Abends besondere Vorsicht walten lassen. Es kann sein, dass unbewusste Angst hochkommt, sobald es beginnt dunkel zu werden. Menschen bekommen wieder die mit dem Trauma verbundene Angst oder sogar Panik, sobald sie in solch einer „traumaassoziierten Gegend“ sind beziehungsweise sich dieser nähern. Falls ein Überfall in einer einsamen Gegend, im Wald oder auf einem Feldweg stattgefunden hat, beginnen sie, nicht mehr alleine solche Gegenden aufzusuchen. Tun sie es dennoch alleine, wird eine besonders überhöhte Vorsicht sich breit machen, sie schauen öfter umher, ob jemand kommt, und wenn, dann können schnell die Anzeichen der früheren Panik wieder aufsteigen, da sie im Inneren sehr verunsichert worden sind durch die Erfahrung. Mit der Angst und der überhöhten Wachsamkeit sind nicht nur die beschriebenen körperlichen Phänomene verbunden, sondern es gehören auch bestimmte Gedankenketten dazu:

was kann passieren, wie verhalte ich mich, wer ist gefährlich etc. All dies hat die Tendenz sich zu verstärken.
Dieses Beispiel ist sicherlich nachvollziehbar. Der während des Ereignisses beschriebene Zustand ist das sogenannte
Trauma-Schema. Was sich in der Zeit danach vielfach als anhaltendes Lebens-Muster entwickelt – die Angst, überhöhte Wachsamkeit in einsamen Gegenden oder Abends etc – ist das Trauma- Folgestörungs-Schema. Das Trauma-Schema sowie die als Trauma-Folgestörung geschilderte, über das Nervenssystem ‚getriggerte’ und somit autonom und unbewusst ablaufende Veränderung im Menschen findet bei jedem Trauma – welches nicht bewältigt wurde – in dieser Weise statt. Der Begriff ‚Trigger’ bedeutet

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also, dass das autonome Nervensystem traumatisierter Menschen im Leben nach dem Trauma – und oft während des gesamten Lebens in dieser Art verbleibend – aktiviert ( „eingeschaltet“) wird durch Außenreize oder Innenreize. Die Reize werden bewusst nicht wahrgenommen, sie sind in irgend einer Weise mit dem früheren Trauma ‚assoziiert, und wirken sich aus in – ebenfalls traumaassoziierten – Gefühlen, Empfindungen, Denken und Verhalten. Nachfolgend werden die psychischen und bio-physischen Mechanismen sowie die verschiedenen Formen von Traumen ausführlicher dargestellt.

Viele Menschen, die keine psychologische oder therapeutische Schulung im Bereich Trauma haben glauben oft, dass nur ein wirklich starkes, extremes Erlebnis - also fortwährende Gewalt in der Kindheit, Missbrauch, Vergewaltigung, Folter, todesnahes Erleben bei Überfällen, Kriegstraumen, einen Mord mit ansehen etc – ein Trauma ist. Und der Vorgang der Folgestörungen ist kaum bekannt. Wer denkt schon bei solch eher vielfach auftretenden Symptomen wie Schlafstörungen, Gedankenkreisen, aggressivem Verhalten, Wut, ständigen Verhaltensauffälligkeiten, immer wieder aufflammenden Beziehungskonflikten, Schulschwierigkeiten, Sucht, Konzentrationsstörungen oder extremer Anpassung, sozialem Rückzug, Lebensunsicherheit etc an eventuell darunter liegende Traumen? Auch viele Therapeuten, Sozialarbeiter und Berater ohne grundlegende Schulung im Bereich Trauma haben vielfach die Idee, dass Traumen ausschließlich auf Extremerfahrungen beruhten. Das entspricht allerdings nicht den Grundlagen der Psychotraumatologie. Denn:

Ob ein traumatisches oder schwieriges Erleben einen Niederschlag findet in der Psyche und in körperlichen Symptomen als Trauma, hängt von mehreren – subjektiven und objektiven - Faktoren ab. Zum Beispiel: Das Alter der traumatischen Erfahrung, die vorhandenen Bewältigungsmechanismen für Lebensthemen (Resilienz), insbesondere der Grad der emotionalen und geistigen Reife, die Gewalttätigkeit oder auch Notlage der traumatischen Erfahrung, ob es ein einmaliges Ereignis war oder ein über längere Zeit bestehendes.

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So kann nach dem Trauma-Experten Peter Levine für ein Kind schon ein Fahrradsturz einen traumatischen Schock bewirken. In seinem Leitfaden „8 Schritte als erste Hilfe bei traumatischen Erfahrungen von Kindern“ beschreibt er sehr behutsam und klar, welches Verhalten von Eltern zu ihren Kindern im Fall eines vermuteten oder realen Traumas sinnvoll ist.

Gerade im Bereich von Entwicklungstraumen – also Traumen, die in der frühen oder späten Kindheit geschehen - auch durch absolut wohlwollendes elterliches Verhalten verursacht und nicht nur durch Gewalttätigkeiten etc in Elternhaus und Schule – kann Blindheit der Beteiligten dramatische Folgen haben. Eine Trennung der Eltern oder chronisch schwelende Konflikte im Elternhaus, Ausschlussverhalten in der Familie oder im Freundeskreis, ‚angstmachende Begriffe’, mit denen Kinder beziehungsweise ihre Verhaltensweisen bezeichnet werden, eine sehr unterschiedliche Wertehaltung von Elternhaus und Schule, welche zu Loyalitätskonflikten beim Kind und damit einhergehend zu extremer Hilflosigkeit und Zerrissenheit führen kann, etc,, all dieses kann sich genau so als sogenanntes Entwicklungstrauma auf das spätere Leben auswirken wie Gewalterfahrungen in der Familie, in außerfamiliären Erziehungssituationen, in Peergruppen oder in sonstigen Situationen, sexueller Missbrauch – sei es durch Familienangehörige oder Erziehungspersonen - , psychische Erniedrigungen, ‚Sündenbock-Zuweisung’ in der Familie, chronische Erkrankungen, Unfälle.

  • Nicht nur das Erleben, sondern auch das einfache Dabeisein, das Sehen (Zusehen) eines schrecklichen Erlebnisses kann ein Trauma bewirken. Das bedeutet zum Beispiel: ein Kind wird ebenfalls traumatisiert wenn es mit ansieht, wie ein Geschwisterkind misshandelt wird. Sein innerlich wirkendes Trauma ist jedoch ein anderes als das des misshandelten Kindes.

  • Jedes Erleben, in dem der Mensch einer Situation ausgesetzt ist, in der er mit seiner absoluten Hilflosigkeit konfrontiert wird, das heißt insofern diese Situation seine körperlichen, geistigen oder emotionalen Kräfte übersteigt, ist als traumatisch zu betrachten.

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In Fachkreisen allgemein anerkannt ist die Definition von Fischer und Riedesser zum Trauma, welche sowohl Faktoren wie das Alter von Kindern und die damit verbundene geringere psychische Stabilität als auch die unterschiedlichen neuronalen und mentalen Verarbeitungssysteme von Menschen integriert2:

„Psychische Traumatisierung lässt sich definieren als vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht, und so eine dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses bewirkt.“

Wenn man „Traumata,“ - sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen - näher verstehen möchte, bedarf es der differenzierten Betrachtung. Ganz grob lässt sich allgemein unterscheiden:

2 Fischer & Riedesser, Lehrbuch der Psychotraumatologie, 4. Auflage, Reinhardt Verlag München, 2009 ( 4. Auflage ) S. 395

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Bei einem traumatischen Erleben treten, bedingt durch die gleichzeitige Vernetzung körperlicher, neuronaler und psyschicher Hergängen bei Menschen extrem komplexe Abläufe ein. Die Beschreibung dieser - autonom stattfindenden und unbewusst prägenden – Prozesse und deren Folgen wird im Folgenden differenzierter dargestellt.

Trauma- Schema

Unter dem Begriff des Trauma-Schemas werden unterschiedliche Phänomene verstanden, die sich zum Zeitpunkt des traumatischen Erlebens sowie in der näheren Zeit ( bis zu 4 Wochen ) danach einstellen:

  • Schock / Freezing: hierzu gehören Gedächtnislücken (Amnesien), es meint jedoch auch den „Zustand des Eingefroren-seins“ in das traumatische Erleben

  • Intrusion / Flash-back: bedeutet ein Wiedererleben, Wieder-Erinnern von Trauma-Elementen, in Form von Bildern, schnellen Gedanken. Flash-back ist ein blitzartiges, automatisches Zurückgleiten in das Trauma, so <<als geschähe das Trauma hier und jetzt – obwohl es schon vorbei ist>>, diese Zustände sind nicht zu kontrollieren, sie werden auch als „Nachhall- Erinnerung bezeichnet“. Des Weiteren gehören hierzu Alpträume und Ängste.

  • Hyperarousal: bedeutet Übererregtheit beziehungsweise eine übermäßige Erregtheit körperlicher und / oder geistiger Art. Damit einhergehen können Schlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit, Wutausbrüche, übermäßiges Kontrollverhalten, Schreckhaftigkeit, verstärktes Sicherheitsverhalten, Grübeln oder um bestimmte Aspekte ‚kreisende Gedankengänge’

  • Numbing: bedeutet das Gefühl, keine Gefühle zu haben, Gefühlskälte, Dumpfheit, ‚emotionale Taubheit’, Rückzug, das Gefühl, von anderen isoliert zu sein, oder ‚das Tun der anderen wird wie durch eine Glasscheibe erlebt’

  • Vermeidungsverhalten: Orte und Aspekte des traumatisches Erlebens werden gemieden, Menschen versuchen, die Gefühle die zum Trauma gehören, zu vermeiden, es wird versucht, die Erinnerung zu verdrängen,

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Situationen und Reize, die auch nur entfernt an das Trauma erinnern können,

werden gemieden.
Dies sind die akuten Abläufe, die zum sogenannten Trauma-Schema gehören. Sie werden als Krankheitsdiagnose im ICD-10 definiert unter dem Aspekt der „Akuten Belastungsstörung“ oder „Akute Angststörung“. Als Erkrankung bedürfen sie der ärztlichen Abklärung und Behandlung (beziehungsweise Überweisung zur Therapie). Wenn die Störungen länger als 4 Wochen anhalten und sich chronifizieren, werden sie als Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS / PTSB) klassifiziert.

Schema der Trauma-Folgestörungen

Auch Jahre beziehungsweise noch viele Jahrzehnte danach können bei früher traumatisierten Menschen plötzliche Symptome und Verstörungen im Handeln, in den Gefühlen und im Denken die ‚Macht’ übernehmen, ausgelöst über sogenannte „Trigger“ (Auslöser, Reize).

Üblicherweise werden – sowohl in Partnerschaft, Beruf, sozialen Zusammenhängen – unverständliche oder ‚selbstfremde’ Verhaltensweisen und Gefühlszustände von Menschen weniger unter dem Gesichtspunkt von traumaassoziiertem Verhalten (also als Trauma-Folgestörung) betrachtet, sondern eher als persönlicher Charakterzug, oder sie werden als Handlungen von schwierigen Menschen empfunden. Vielleicht ist es in solch einem Fall sinnvoll, sie neu zu bedenken. Auch und gerade, wenn es Kinder und Verhaltensauffälligkeiten betrifft.

Sehr viel Unglück, Leid, chronische körperliche und emotionale Erkrankungen, Suizidtendenzen und Dissozialität können über Trauma-Folgestörungen entstehen, ebenso Lernstörungen, Schulschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen, auffälliges Verhalten wie Rückzug, Aggression, Isolation oder Hyperaktivität bei Kindern.

Traumen überschatten vielfältig die Beziehung zu anderen Menschen - ebenso wie die zu sich selber. In einer speziellen, man sagt ‚traumaassoziierten’ Art und Weise, finden ab dem traumatischen Einfluss Veränderungen mit langfristigen Folgen statt.

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Trauma – eine Einführung und Hinweise zur Bedeutung von Traumen und deren Folgestörungen

Die Veränderungen werden automatisch während der – einmaligen oder auch mehrmaligen - traumatischen Erfahrung über das autonome Nervensystem angelegt und sind daher unbewusst. Sie wirken im weiteren Leben danach insbesondere in der Art zu denken, zu fühlen und auf der Ebene der körperlichen Empfindungen.

Trauma-Folgestörungen:

Wie können Anzeichen unbewältigter traumatischer Situationen erkannt werden? Die Störungen zeigen sich primär in Formen von Übererregung und / oder Hemmung / Blockierung (siehe Trauma-Schema). Das kann – je nach Trauma und Lebensumständen – sich in ganz unterschiedlichen Schweregraden zeigen, von einfachen bis extremen Formen. Es kann auch sein, dass halbbewusst ein Wissen davon vorhanden ist, dass ‚man sich in vielen Lebenssituationen gehemmt fühlt’ oder dass man in Beziehungen und Beruf ‚schnell in Aufregung gerät’. Wenn das der Fall ist, bedarf es eines achtsamen Auf-Sich-Schauens, um langsam eine Idee davon zu erhalten, ob ein traumatisch unbewältigter Grund unter den Erregungen oder Hemmungen liegt. Um diesen Zusammenhang zu erkennen, bedarf es des Wissens um traumatische Zusammenhänge, des Wissens zu den ‚Trauma-Folgestörungen’. Dieses Wissen ist heutzutage recht einfach erhältlich über ( Fach- und Laien-) Literatur und ebenfalls über gute Videos auf YouTube von namhaften Traumaexperten, wie zum Beispiel Peter Levine, Bessel van der Kolk, Joseph LeDoux und anderen.

Die Folgen von Traumata zeigen sich bedeutend im Bereich der Gefühle und können als Signale verstanden werden. Die eigenen Gefühle zu kennen und sie einschätzen zu können ist wichtig. Sie langfristig verändern zu lernen, kann überlebenswichtig sein. Das Verständnis, warum bestimmte Gefühlszustände langfristig verändert werden sollten – auch um sich für einen Veränderungsprozess zu motivieren - kann über das Lesen von guter Literatur zu Traumata ausgebildet werden3. Wichtig ist zu wissen: Jede situativ wiederkehrende Form von emotionaler Übererregung oder Hemmung kann auf einen ‚traumatischen Urgrund’ verweisen. Und: Gerade in

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Trauma – eine Einführung und Hinweise zur Bedeutung von Traumen und deren Folgestörungen

Beziehungen mit wichtigen Menschen, Liebesbeziehungen, Ehepartnern, Kindern treten Übererregung oder Hemmung in aller Regel schnell auf und sollten als Signale verstanden werden, die einen Weg zeigen zu sich selber und zu eventuellen ‚alten traumatischen Wunden’, die angesehen werden möchten.
Um zu verstehen, warum unbewältigte Traumen solch eine erstaunliche Macht über das gesamte Leben besitzen, gibt es Forschungen aus den Neurowissenschaften, die Ideen dazu entwickelt haben. Im Zusammenhang mit Monotraumen, Entwicklungstraumen oder Gewalttraumen gibt es im Gehirn einen Bereich, der eine wichtige Funktion besitzt, die
Amygdala. Zum weiteren Verständnis von Traumen und deren Folge-Störungen nachfolgend Hinweise des Neurowissenschaftlers Joseph LeDoux zur Amygdala und den mit ihr verbundenen Abläufen im Gehirn4:

Die Amygdala und ihre Bedeutung:

Die Amygdala - eine Hirnstruktur mit Sitz im Mittelhirn und vielfältigen Vernetzungen zu anderen Hirnbereichen - wird als „Angstzentrum, Furchtzentrum, oder auch als emotionales Gedächtnis bezeichnet. Sie hat eine starke Bedeutung für Traumen und für die Lebensabläufe nach traumatischen Erfahrungen. Joseph LeDoux, Neurowissenschaftler, bezeichnet die Funktionen der Amygdala im Gehirn als Abwehr-Überlebensschaltkreise. Sie nehmen Bedrohungen wahr und organisieren entsprechende Abwehrreaktionen. Bedrohungen können real oder auch ‚nur’ vermutet sein, die darauf erscheinenden Abläufe im Gehirn gleichen sich! Bei einer Bedrohung oder einer - vom neuronalen System – nur vermuteten Bedrohung gibt es ausschließlich drei neuronal vermittelte Reaktionen: Flucht, Kampf oder Totstellen (Inaktivität). Diese werden vom zentralen Nervensystem unmittelbar und automatisch eingeleitet. Die Frage, ob Flucht oder Kampf oder Gar-Nichts-Tun – sich also unsichtbar machen – vom ZNS eingeleitet wird, hängt bei Traumen mit der intuitiven Deutung des inneren Systems der traumatischen Situation zusammen. Es bildet sich während und nach dem Trauma ein musterhaftes Verhalten im zentralen Nervensystem heraus. Über sogenannte traumaassoziierte Trigger kann in der Folge

3 Ebenso über Literatur zur „Emotionalen Intelligenz“.

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das gesamte psychische System – Empfinden, Kognitionen, Gefühle und Verhalten – in dieses ‚traumaassoziierte Prokrustesbett eingeschlossen werden.
Wichtig ist es zu verstehen, dass die geschilderten Abläufe ausschließlich autonome, unbewusst ablaufende Prozesse der Wahrnehmung und Reaktion darstellen. Diese haben die Funktion, dem Überleben in schwierigen, traumatischen und gefährlichen Situationen zu dienen. Ein Problem dieser menschlich wichtigen Funktion ist jedoch, dass die im Trauma angelegten Muster nach dem traumatischen Erleben beständig bleiben. Sie führen ein unbekanntes ‚Eigenleben’ und verändern – verzerren - die Wahrnehmung und sind – sofern keine Bewältigung stattfindet – das ganze Leben über als verstörende Prozesse im Inneren vorhanden, ständig bereit, bei jedem – auch dem kleinsten – Trigger aktiv zu werden.

Bei kindlichen Entwicklungstraumen tendieren die Abwehr-Überlebensschaltkreise dazu, ganz ins Unbewusste abzusinken, und können dann nur an den kindlichen Verhaltensproblemen (Verhaltensstörungen wie Rückzug, anhaltende Impulsivität mit Wut, Trotz und aggressivem Verhalten, Schulschwierigkeiten, Lern- und Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität etc) und später nur noch am ausgebildeten, verfestigtem Abwehrverhalten rekapituliert werden. Sie werden von dem dann erwachsenen Menschen in aller Regel nicht in Frage gestellt – obschon sie mit Leid und mit Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen verbunden sind - da sie nicht auf Traumen zurückgeführt, sondern eher als zum Charakter gehöriges Verhalten, als persönliche Reaktionen auf bestimmte Situationen und Menschen gedacht werden. Es sind allerdings Trauma-Folgestörungen, die in den Prozessen von Entwicklungstraumen ihren Ursprung besitzen5.

Der vom Abwehr-Überlebensschaltkreis bei Bedrohung aktivierte << globale Zustand des Organismus>> wird von LeDoux als defensiver Motivationszustand

4 LeDoux, Joseph E.: Angst. Wie wir Furcht und Angst begreifen und therapieren können, wenn wir das Gehirn verstehen. Ecowin Verlag, 2016, Wals bei Salzburg
5 Entwicklungstraumen: Der Prozess von schwierigen kindlichen Anpassungsanstrengungen zum Abwehrverhalten wird einfach und verständlich beschrieben bei Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen, Fischer TB Geist und Psyche, Ffm./ M. 1984 – Im Anhang sind einige Zitate aus dem genannten Werk zur Anschauung aufgeführt.

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bezeichnet. „Überlebensschaltkreise“ werden im Gehirn dann aktiviert, wenn situativ das körperlich-geistig-emotionale Wohlergehen gefährdet ist. Sie bewirken einen globalen Zustand des Organismus, dieser wird von Joseph LeDoux als defensiver Motivationszustand bezeichnet.6. Zustand bedeutet in diesem Zusammenhang eine Gesamtreaktion von Gehirn und Körper.

Der Körper reagiert mit dem zentralen Nervensystem: Die Funktion der Amygdala bei Bedrohung - wenn also wie oben beschrieben ein <<Abwehr- Überlebensschaltkreis>> aktiviert wird - besteht zum einen aus Abwehrreaktionen, zum anderen daraus, dass weitere Gehirnareale aktiviert werden. Diese setzen u.a. eine Ausschüttung chemischer Signale frei, zum Beispiel Neuromodulatoren und Hormone. Die Folge ist: das menschliche System wird bei der Aktivierung des Schaltkreises sehr wachsam. Eine Erregung mit der Tendenz sich zu verstärken beginnt, und die innere Fokussierung ist auf eine potentielle Gefahr ausgerichtet. Andere (wichtige Überlebens-) Verhaltensweisen wie zum Beispiel Schlaf und Nahrung werden in diesem Zustand vom System unterdrückt. Dieser globale Abwehr-Motivationszustand hat - bei anhaltender oder immer wiederkehrender Konstellation - langfristig betrachtet unterschiedliche negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit. Die sich darüber ausbildenden Symptome und Krankheiten werden im ICD-10 – der internationalen Klassifikation von Erkrankungen – als Posttraumatische Belastungs-Störung (PTBS) zusammengefasst. Sie werden ebenso in den Werken zur Psychotraumatologie beschrieben.

Beim Umgang mit Gefahren (oder potentiellen Gefahren) dienen dem Körper-Geist- System die früheren Erfahrungen, also jene Verhaltensweisen, die in früheren Notfallsituationen angewandt wurden (Kämpfen, Flüchten, Erstarren / Totstellen):

„Der ängstliche Mensch steht zunächst bewegungslos und atemlos da wie eine Statue, oder er kauert sich, als wolle er instinktiv der Beobachtung entgehen.“ (Darwin, zitiert nach LeDoux, S. 101)

6 LeDoux, Joseph E.: Angst. Wie wir Furcht und Angst begreifen und therapieren können, wenn wir das Gehirn verstehen. Ecowin Verlag, 2016, Wals bei Salzburg

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Erstarren, Starre, Totstellreflex heißt: dem ‚angeborenen Auslöser‘ von Angriffen zu entgehen, da gerade Bewegung Auslöser ist für räuberisches Verhalten bei Tieren. (Erstarren = die Muskeln sind zusammengezogen, stehen jedoch bereit für das Kämpfen oder Flüchten; beim Sich-Tot-Stellen‘ ist der Körper völlig schlaff)

Die Amygdala und Verbindungen zu anderen Hirnbereichen:

Anhang: Amygdala. Wichtige Verbindungen
Die Amygdala steht in Verbindung zu anderen Hirnbereichen. Bei Aktivierung eines <<globalen Abwehr-Motivationszustandes>> werden Informationen zu anderen Hirnbereichen geleitet bzw es werden Verknüpfungen aktiviert:

Hippocampus:
Präfrontaler Cortex:
Sensorischer Cortex:
Über diese Bereiche hat die Amygdala Einfluss auf die laufende Wahrnehmung, auf mentale Vorstellungen, Aufmerksamkeit, Kurzeitgedächtnis, Arbeitsgedächtnis und Langzeitgedächtnis, sowie auf die verschiedenen Denkprozesse höherer Ordnung, die diese möglich machen (Bessel van der Kolk, LeDoux, 2001, S. 308)“

Entwicklungstraumen

Gefühle hängen eng mit dem Denken und dem Handeln zusammen, wobei wichtig ist, dass zu den Bereichen Fühlen, Denken und Handeln auch Nicht-Fühlen, Nicht- Denken und Nicht-Handeln gehört. Ein unbewältigt gebliebenes Trauma heißt, dass Veränderungen in Körper, Geist und Seele (Gefühle, Emotionen) in der Folge sich einstellen und verfestigen. Diese Veränderungen gehören zu Situationen, die gekennzeichnet waren von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut durch seelische Verletzungen oder durch körperliche Verletzungen, denen der Mensch (ein Baby, Kleinkind, Jugendlicher, Erwachsener) einmalig oder mehrfach ausgesetzt war. Teilweise sogar, ohne dass der andere Mensch das beabsichtigt hatte oder auch nur wollte. Nicht nur das persönliche Erleben am eigenen Körper-Geist-Seele-System kann ein Trauma bedingen, ebenso das SEHEN ( mit dabei sein, ohne selber

= explizites Langzeitgedächtnis
= ‚Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit = Wahrnehmung und Kurzspeicherung

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Trauma – eine Einführung und Hinweise zur Bedeutung von Traumen und deren Folgestörungen

betroffen zu sein, zum Beispiel wenn ein Geschwisterkind Gewalt ausgesetzt ist, oder wenn man einen schweren Unfall als Beobachter miterlebt ) kann traumatisch wirken.

Es kann sein, dass ein Kind so jung ist, dass es die Veränderung, die in seinen Gefühlen auftreten, gar nicht bemerkt. Das kann zum Beispiel bei ‚normalen’ oder auch schweren kindlichen Entwicklungstraumen der Fall sein, da diese – in der Regel über einen zeitlichen Verlauf der Anpassung an familiäre Umstände sich hinziehend - einen Prozess zur Verhaltensänderung mit sich bringen, der den primären Bedürfnissen des Kindes entgegen stehen. Hier entstehen als Folge die sogenannten „Abwehrhaltungen“, die einerseits Schutz bieten, indem ein inneres Verbot entstanden ist, diese Bedürfnisse weiterhin nicht mehr auszudrücken und sich nicht mehr zu wünschen7. Darüber ist der Schmerz verbannt, der zum ‚Nicht-dürfen wichtiger Gefühle gehört, wie auch die Verwirrung und Unsicherheit in den frühen Erfahrungen und die damit verbundene Angst und Scham.

Andererseits sind die ‚Abwehrhaltungen’ als Eckpunkte von Entwicklungsblockaden aber kontraproduktiv für eine freie Entfaltung und Entwicklung der Persönlichkeit. Der Mensch bleibt darüber situativ mit seinem frühen Trauma verbunden, die dort ‚gebundene Energie’ muss sich andere Wege – über sogenannte sekundäre Bedürfnisse, die in den Abwehrhaltungen zum Ausdruck kommen – entladenden Ausdrucks suchen8.

Es gibt Traumen, die über Selbstheilungsmechanismen in einem gutem und verständnisvollem, Halt gebendem, familiärem Umfeld mit der Zeit heilen können. Es gibt jedoch – und das ist ein großer Teil – Traumen, die mit ihren Folgestörungen sehr verstörend auf das gesamte Leben einwirken. Sie können sich im Körperlichen

7 sie werden dann später einfach nicht mehr ‚gewusst’, sind ‚verdrängt’ worden, oder werden später sogar als etwas erlebt und betrachtet als etwas, ‚was man ablehnt’

8 „das Sekundäre“ kann zum Beispiel sein ein Zwang, etwas zu sammeln, zu putzen, extrem viel zu reden, zu kaufen was nicht dringend gebraucht wird...., es kann als ein ‚sich zurück-ziehen’ oder als ‚hyperaktiv’ erscheinen, als übermäßige Angst, als Weg in den Perfektionismus oder die Kontrolle, oder es kann sich als etwas erweisen, was sich ins Körperliche konvertiert hat als Krankheitssymptom

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Trauma – eine Einführung und Hinweise zur Bedeutung von Traumen und deren Folgestörungen

als Symptome von Krankheit zeigen, auch viele Jahre nach dem traumatischen Erleben kann ein krankheitsauslösender Symptomkomplex aufgetreten sein.

Als Retraumatisierung wird ein erneutes Erleben eines Traumas bezeichnet. Hierbei werden zwei unterschiedliche Aspekte der erneuten Traumatisierung verstanden: einmal durch Personen aus professionellen Arbeitsfeldern (Therapeuten, Ärzte, Heilpraktiker, Sozialarbeiter, Erzieher, Betreuungpersonen in Wohngruppen, , Gerichtsverhandlungen etc). Zum anderen kann eine Retraumatisierung im Alltag erfolgen, indem der Mensch (bewusst, halbbewusst, unbewusst) wieder in Kontakt kommt mit einem strukturell gleichen Trauma (Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Unfall...).

Wikipedia: „Für die eventuelle Retraumatisierung im professionellen beratenden oder Therapie-Kontext haben Maercker und Rosner eine Definition formuliert: „Als Retraumatisierung werden Vorgehensweisen bezeichnet, die die Patienten nur emotional belasten und keine nachhaltige Erleichterung verschaffen. In ihrer schlimmsten Form können sie, bedingt durch die mangelnden emotionalen Stabilisierungsmöglichkeiten des Traumatisierten, zu einer lang anhaltenden Verschlechterung führen. In den weniger schwer wiegenden Fällen kommt zu einer Re-Aktualisierung des Traumas, die der Betroffene zwar selbst zu bewältigen imstande ist, die aber kurzfristig zu einer Verschlechterung führen kann“ 9

 

„Die Übung der Achtsamkeit ist nichts anderes
als die Übung
von liebevoller Zuneigung“

Thich Nhat Hanh

 

i Weiterbildungsmaterialien „traumatic-growth“ – Marlies Warncke

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9 Wikipedia, Literaturangabe: Einzelnachweis Wikipedia: Maercker, Andreas (Hrsg.): Posttraumatische Belastungsstörungen. 3., vollständig neubearbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin 2009, S. 16